Vom Zauber der Handbewegung

Eine Geschichte der Zeichnung im 20. und 21. Jahrhundert

12. März 2022 - 08. Mai 2022

Abb.: Thomas Müller: ohne Titel, 2021, Kugelschreiber, Papier, 297 x 210 mm, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 21/3021. © Thomas Müller, Foto: Frank Kleinbach.

Eröffnung: Freitag, 11. März 2022 um 19 Uhr

Die Kunst der Zeichnung gilt als eine der ältesten und zugleich zeitlosesten Kunstformen. Die Sonderausstellung „Vom Zauber der Handbewegung“ wird zugleich eindrücklich vor Augen führen, wie jung die Kunst der Zeichnung bis in die Gegenwart hinein ist. Sei es als Skizze, als Bildhauerzeichnung, als architektonischer Entwurf, als Überzeichnung, als Konzept in einem Künstlerbuch oder als gefaltete Zeichnung – kaum eine Kunstgattung ist derart wandlungsfähig und vielfältig. Anhand von herausragenden Blättern der Graphischen Sammlung richtet die Ausstellung ihren Blick auf eben diesen Reichtum der zeichnerischen Ausdrucksformen wie Techniken, sei es in Bleistift, Kugelschreiber, Aquarell oder Kohle. Der Bogen reicht dabei von Gustav Klimt, Max Slevogt, Hans Purrmann und Käthe Kollwitz über Rudolf Levy, Emy Roeder und Pablo Picasso hin zu Karl Bohrmann, Bettina Blohm und Malte Spohr, sowie zu Neuzugängen von Max Uhlig, Hanns Schimansky, Doris Kaiser, Barbara Hindahl oder Thomas Müller. Auch mit der Region verbundene Künstler wie Albert Haueisen, Rolf Müller-Landau, Leo Erb, Oskar Holweck oder Franz Bernhard sind repräsentativ vertreten. Einige Zeichnungen werden speziell für die Ausstellung restauriert und sind ab März 2022 ebenfalls zu sehen.

Anhand dieser Blätter vor allem der deutschen Kunstgeschichte der zurückliegenden rund 150 Jahre werden auf höchstem Niveau alle wesentlichen Strömungen wie die Avantgarde, das Bauhaus, die Konkrete Kunst, das Informel, das Figurative oder konzeptuelle Tendenzen seit den 1960ern nachgezeichnet. Geordnet nach verschiedenen Themengruppen wird die Ausstellung, die seit über 1½ Jahren intensiv vorbereitet wird, damit eine facettenreiche Geschichte der Handzeichnung im 20. und 21. Jahrhundert erzählen. Wenn beispielsweise Georg Scholz in seinem Aquarell „Zeitungsträger (Arbeit schändet)" die sozialen Spannungen der 1920er Jahre ins Bild setzt, wenn Peter Behrens um 1930 in seinen monumentalen Architekturentwürfen den Berliner Alexanderplatz gestaltet, wenn der Exilant Thomas Theodor Heine in seiner Karikatur „Wir können nicht mehr mit Papa verkehren, er malt entartet“ die fatale NS-Kulturpolitik anprangert, wenn Rudolf Scharpf 1943 eine im Gebet versunkene alte Frau zeichnet, die trauert und leidet, präsentiert sich die Kunst der Zeichnung in einer historischen Dimension, die in der Ausstellung der Graphischen Sammlung zu entdecken ist.

Zu entdecken ist ebenfalls die Vitalität der Zeichnung im Heute. Viele Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart haben die Zeichnung als unerschöpflichen Kreativraum für sich erobert, richten den Zauber der zeichnenden Handbewegung auf faszinierende Linienkomposition, mal streng und konkret, mal virtuos bewegt. Die Zeichnung hat sich heute zu einem Medium emanzipiert, das sich selbst befragt, und das Ereignisse zulässt, die sich nicht selten auch der Steuerbarkeit der Künstler zu entziehen scheinen. So fährt beispielsweise Thomas Müller mit einem blauen Kugelschreiber an Glasscherben entlang und erreicht durch das Verschieben der Schablone seine malerischen, immer aber überraschenden Fächerstrukturen, faltet Hanns Schimansky seine Zeichnungen, um unerwartete Linienbezüge offenzulegen, gelingt Barbara Hindahl mit roten Buntstiften das augentäuschende Spiel mit Millimeterpapier, überträgt Doris Kaiser zart die Konturen von Astwerk und Blättern auf Bütten, thematisiert damit das Spannungsgefüge von Natur und Kunst. Gerade in diesen Unschärfebereichen, in Linie, die Assoziationen zulassen ohne eindeutige Antworten liefern zu wollen, liegt die Poesie vieler der ausgestellten Blätter.

Begleitend zur Ausstellung erscheint im Deutschen Kunstverlag ein umfangreicher von Sören Fischer herausgegebener und kuratierter Bestandskatalog. Das Buch, das von der Ernst von Siemens Kunststiftung großzügig gefördert wird, versammelt rund 140 Zeichnungen aus dem eigenen Bestand sowie zahlreiche Vergleichsabbildungen anderer Sammlungen, die von namhaften Autorinnen und Autoren aus Altenburg, Dresden, Kaiserslautern, Lübeck, Mainz, Saarbrücken und Weimar vorgestellt werden. Das Buch kann ab März 2022 im Museumsshop, im Buchhandel und über den Verlag bestellt werden:

Sören Fischer (Hrsg.): VOM ZAUBER DER HANDBEWEGUNG - Eine Geschichte der Zeichnung im 20. und 21. Jahrhundert. Bestandskataloge der Graphischen Sammlung XVI, mit Beiträgen von Alexander Bastek, Stephan Dahme, Karoline Feulner, Sören Fischer, Christine Follmann, Daniela Koch und Benjamin Rux, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-422-98854-5.

Für die Ausstellung ist ein museumspädagogisches Angebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Vorbereitung. Regelmäßig wird es neben analogen Führungen auch online-Führungen geben. Informationen entnehmen Sie bitte: https://www.mpk.de/veranstaltungen.html

 

Zurück